Mark Rutte – leseschwach?

Die Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken über das Gelesene
Carl Hilty, Schweizer Staatsrechtler

Putin forderte die NATO auf, ihre eigenen Strategiedokumente zu lesen
20. Dezember 2025    Moskau

In seiner jährlichen Pressekonferenz zum Jahresende hat der russische Präsident Wladimir Putin den NATO-Chef Mark Rutte in seine Schranken verwiesen, nachdem dieser kriegerische Äußerungen über die Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland gemacht hatte. „Was diese aggressiven Äußerungen angeht – wissen Sie, ich sehe sie mir an und bin auch überrascht“, sagte Putin. „Ich kenne zum Beispiel den derzeitigen NATO-Generalsekretär, Herrn Rutte, persönlich. Er ist der ehemalige Ministerpräsident der Niederlande. Ich habe das Land einmal besucht und mit ihm gesprochen. Er ist ein intelligenter Mann und war ein kompetenter, strategisch denkender und effizienter Ministerpräsident. Die niederländische Wirtschaft ist in guter Verfassung, was zum Teil seinen Bemühungen zu verdanken ist. Und was für einen Unsinn redet er jetzt? Ich möchte ihn nur fragen: Was sagen Sie da über einen Krieg mit Russland? ,Wir müssen uns auf einen Krieg mit Russland vorbereiten‘.“

Putin weiter: „Sie wollen sich auf einen Krieg mit Russland vorbereiten. Aber können Sie überhaupt lesen? Lesen Sie einfach die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA. Darin heißt es, dass die Vereinigten Staaten – ich betone – der Hauptakteur in der NATO sind. Die Vereinigten Staaten haben die NATO gegründet und sind ihr Hauptsponsor. Alle wichtigen Ressourcen wie Finanzmittel, Militärtechnologie, Waffen und Munition kommen aus den USA. Das ist das Fundament des Bündnisses.
Und dennoch wird Russland in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie nicht als Feind oder Ziel genannt. Trotzdem bereitet sich der NATO-Generalsekretär auf einen Krieg mit uns vor. Wie soll das Sinn ergeben? Können Sie überhaupt lesen? Wie kann die NATO einen Krieg mit Russland anstreben, wenn die führende Macht des Bündnisses uns nicht als Gegner oder Feind betrachtet?“

Mit diesen Aussagen gesellt sich Mark Rutte zum Kreis der „Kriegswilligen“. Eulenspiegel hat hier schon über „Die drei blinden Mäuse“ geschrieben. Wenn Eulenspiegel die Aussagen von Mark Rutte hier liest, kann es wohl sein, dass Eulenspiegel einen neuen Beitrag über „Die vier blinden Mäuse“ schreibt.

Mark Rutte – Krieg!

Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden
Bertold Brecht

Am Mittwoch, dem 15. Oktober 2025, haben in Brüssel Treffen der Verteidigungsminister von EU- und NATO-Mitgliedstaaten stattgefunden. Dort gab der NATO-Generalsekretär eine Pressekonferenz. Mark Rutte erklärte, man sollte Russland nicht zu ernst nehmen. „Unser Militär ist dem russischen haushoch überlegen““. Die NATO-Wirtschaftsleistung sei um ein Vielfaches größer, und das russische Militär sei schlecht ausgerüstet und unzureichend trainiert (1).

Am Donnerstag, dem 11. Dezember, war Mark Rutte in Berlin, um sich mit Bundeskanzler Friedrich Merz über den Ukrainekrieg abzustimmen.
Dort sagte Mark Rutte wörtlich: „Heute ist Präsident Putin wieder dabei, ein Imperium aufzubauen. Wir müssen bereit sein, denn am Ende dieses ersten Vierteljahrhundert sind Konflikte nicht mehr weit entfernt. Der Konflikt steht vor unserer Haustür. Russland hat den Krieg nach Europa zurückgebracht und wir müssen auf ein Kriegsszenario vorbereitet sein, wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben. Stellen sie sich vor. Ein Konflikt, der jedes Zuhause, jeden Arbeitsplatz erreicht. Zerstörung, Massenmobilisierung, Millionen von Vertriebenen, weitreichendes Leid und extreme Verluste. Das ist ein schrecklicher Gedanke, aber wenn wir unsere Verpflichtungen einhalten, können wir diese Tragödie verhindern. Die NATO ist da, um eine Milliarde Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zu schützen“.

Dies sagt ein NATO-Generalsekretär, ein ehemaliger niederländische Ministerpräsident, der uns Menschen in Deutschland und ganz Europa einreden will, dass Russland uns unterjochen will. Ein Politiker, der uns einreden will, dass Russland sein „Imperium“ erweitern will, dass die NATO den Armeen Russlands haushoch überlegen ist. Ein Politiker, der den Interessen dient, die die NATO-Ostererweiterung vorangetrieben haben. Ein Politiker, der diesen Interessen dient und deshalb auch dieses Amt mit der Unterstützung Deutschlands erhalten hat. Er dient weiter denen, die nun erleben müssen, dass der Krieg in der Ukraine, den sie selbst angezettelt haben, verloren ist. Ein Politiker, der nun erleben muss, das man mit dem Krieg in der Ukraine Russland nicht erobern und aufteilen kann. Ein Politiker, der nun erleben muss, dass der US-Präsident eine neue Nationale Sicherheitsstrategie veröffentlicht hat. Ein Politiker, der nun feststellen muss, dass die US-Sicherheits-Interessen nicht mehr auf Europa und auf Russland ausgerichtet sind. Ein Politiker, er mit seinem Amt für die USA überflüssig geworden ist. Ein Politiker, der nicht verstanden hat, dass die Interessen der USA mit Russland für die Zukunft auf eine wirtschaftliche Basis ausgerichtet sind. Ein Politiker, der nicht verstanden hat, oder nicht verstehen will, dass das Ende des Ukrainekrieges auch das Ende der NATO und das Ende der Europäischen Union in der heutigen Form bewirkt. Nicht sofort, aber ganz bestimmt. Ein Politiker, der von einigen europäischen Politikern und Staatsmänner hofiert und benutzt wird. Ein Politiker, der nicht verstehen will, dass er danach nicht mehr gebraucht wird. Ein Politiker, der scheinbar nicht weiß, dass zwischen den USA und Europa ein großer Teich, genannt Atlantik, sich ohne Brücke ausbreitet. Warum versteht dieser Mann dies nicht? Oder er ist kein Politiker, sondern ein Mann, der immer nur anderen Interessen dient und damit nur Unheil über uns Menschen bringt. Ein Mann, der sich bewusst ist, dass er sich mit all diesen Narrativen unglaubwürdig macht. Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut?

1  Mark Rutte am 15. Oktober 2025    https://www.youtube.com/watch?v=gXXnQEH5JrQ

Servus NATO, servus EU

„Krieg ist ein Ort, an dem junge Menschen, die sich nicht kennen und sich nicht hassen, sich gegenseitig töten, basierend auf Entscheidungen alter Menschen, die sich kennen und sich hassen, sich aber nicht gegenseitig töten… „
Paul Valéry

Mit der Ukraine und Georgien sollte die NATO-Osterweiterung vorläufig abgeschlossen werden. Mit dem Eintritt in die Europäische Union war auch der Eintritt in die NATO programmiert. Mit dieser Erweiterung sollte der Druck auf die Russische Föderation erhöht werden, und das weit vor 2014.

Diese Erweiterung der NATO und der EU ist nun nicht nur in weite Ferne gerückt, sondern auch beendet. Der Krieg in der Ukraine ist für den Westen verloren. Die gewählte Regierung in Georgien hat sich, trotz massiver Einflussnahme der EU und Deutschlands, dagegen entschieden (1).

Mit der Verabschiedung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von Amerika im November 2025, hat der Präsident der USA Donald Trump Amerika an Erste Stelle gestellt. Mit dieser geänderten Monroe-Doktrin ist Europa an Zweite, oder sogar an Dritte Stelle gesetzt. Die USA haben erkannt, dass der Krieg in der Ukraine gegen Russland nicht zu gewinnen ist. Donald Trump hat sich mit dem Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin vor dem Alaska-Treffen, bei dem Treffen und in den darauffolgenden Telefongesprächen verständigt.

Wladimir Putin hat Donald Trump seine Ziele erklärt: Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine. Diese Ziele dienen dem Schutz der Gebiete, die seit dem Maidan-Putsch 2014 Angriffziele waren und mit den Referenden seit 2022 zur Russischen Föderation gehören: Der Donbass, also Lugansk und Donezk, Saporoschje und Cherson. Die Krim ist seit dem Referendum 2014 Teil der Russischen Föderation. Nachdem im März 2022 die Ukraine die in Istanbul ausgehandelten Friedenspapiere nicht ratifiziert hat, ging der bereits 2014 von der Ukraine begonne Krieg weiter. Nun geht es nicht nur um die genannten Gebiete, sondern auch um Charkow, Dnipro, Nikolajew und Odessa. Odessa auch deshalb, um zu verhindern, dass wie in der vergangen Monaten und Jahren, Waffen in großen Mengen weiter in die Ukraine gelangen. Damit ist dann auch eine ausreichend große Pufferzone erreicht.

Der amerikanische Präsident hat erkannt, dass er den russischen Präsidenten von diesen Zielen nicht abbringen kann, weder mit Argumenten, noch mit Androhung von Sanktionen oder militärischen Mitteln. Donald Trump musste verstehen, dass das Erreichen der von Wladimir Putin definierten Ziele für die Sicherheit und die Souveränität der Russischen Föderation lebensnotwendig sind. Die Eliten der EU und der NATO haben dazu eine andere Meinung. Sie wollen den Krieg in der Ukraine immer noch fortsetzen und auch gewinnen.

Donald Trump denkt auch an eine Ukraine danach. Er weiß, dass er von Russland nicht nur Uran für seine AKW weiter bekommen kann, sondern auch andere Rohstoffe. Diese Rohstoffe haben die USA in der Vergangenheit im Schlaf verfolgt. Die USA mussten einsehen, dass diese Rohstoffe nicht im Kampf zu erreichen sind. Es bleibt nur der friedliche Weg mit Handelsabkommen und US-amerikanischer Investoren. Investoren sind in Russland zu russischen Bedingungen willkommen. Wenn es für Donald Trump doch im Hintergrund um die alten Gründe, Beherrschung Russlands, gehen sollte, dann ist der Deep State hinter Trump, sehr schlecht beraten. Dieses Ziel ist nicht erreichbar für die USA oder der EU.

Den Europäern, ihren Eliten, ist diese Denkweise völlig fremd. Die NATO, allen voran der Generalsekretär Mark Rutte, predigt den Krieg von allen Kanzeln. Bei den europäischen Staatsmännern gehen Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer voran. Sie wollen den Krieg in der Ukraine fortführen. Ich denke dabei an die drei blinden Mäuse, ein altes englisches Kinderlied. Ihre Kinder werden in der Ukraine nicht sterben. Europa lässt die Ukraine bis zum letzten wehrfähigen Ukrainer verbluten und sterben. Die ukrainischen Männer, die deshalb sterben werden, sind für die Ukraine, für die Zukunft der Ukraine verloren.

Haben Europas Eliten zu lange unter der Atlantik-Brücke geschlafen? Europa verzichtet endgültig in 2027 auf die letzten Lieferungen von Öl, LNG und Erdgas aus Russland. Europa kann nur dann gerettet werden, wenn die derzeitigen Eliten nicht mehr das Sagen haben. Dies wird bald der Fall sein. Europa stagniert, befindet sich im freien Fall. Europa wird sich erst dann wieder erholen, wenn die Konkurrenzfähigkeit mit ausreichender Energie, zu Preisen vor dem Ukraine-Konflikt, gesichert ist.

Die Europäer sind dabei aufzuwachen und sich mit zukünftigen Wahlen von den derzeitigen Eliten zu trennen. Dies wird nicht einfach sein. Die vergangenen und derzeitigen Eliten halten sich für die Neue Bürgerschaft. Sie klammern sich an ihre Ideologien wie an eine Religion, wie die Verhaltensweise des früheren Klerus (2).

1   Nach den Wahlen in Georgien im November 2024, haben Parlamentarier aus 8 EU-Ländern sich an den Demonstrationen gegen die gewählte Regierung beteiligt. Aus Deutschland war Michael Roth,der damalige SPD-Abgeordnete und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses dabei. Er hat sich als Redner gegen die frei gewählte Regierung hervorgetan. Dieses ist der Link zu diesem Video:
https://www.youtube.com/watch?v=zwkAmQEGptE
2  Helmut Schelsky hat dies bereits 1974 in seinem Buch „Die Arbeit tun die anderen – Klassenkampf und Priesterschaft der Intellektuellen“ – beschrieben.

NATO-Osterweiterung II

Es ist … das besondere Merkmal einer tiefen Wahrheit, dass ihre Negation auch eine tiefe Wahrheit hat.“

Max Delbrück

Die NATO hat sich nach 1990 weiter nach Osten ausgedehnt. Die NATO-Osterweiterung wurde in Jahren 1996 bis 2023 wieder, und immer wieder, thematisiert.

Wladimir Putin, der Präsident der Russischen Föderation, hatte weit vor und nach Beginn der russischen Speziellen Militäroperation in der Ukraine darauf hingewiesen, dass während der Verhandlungen zu dem Zwei-plus-Vier-Vertrag versprochen wurde, die NATO nicht nach Osten zu erweitern. In einer emotionalen Rede am 8. März 2014 begründetet er, wieso die Krim „heimgeholt“ wurde mit den Worten: „Unsere Kollegen im Westen haben uns wiederholt angelogen, haben Entscheidungen hinter unseren Rücken getroffen, uns vor vollendete Tatsachen gestellt. So war es bei der Ost-Erweiterung der NATO und dem Ausbau militärischer Einrichtungen an unseren Grenzen“ (1).

Es gibt keinerlei Zweifel, dass es dieses Versprechen gab. Ich habe in meinem Beitrag vom 11. November 2023 ausführlich darüber geschrieben. Ich habe davon geschrieben, dass der damalige Außenminister Deutschlands, Hans-Dietrich Genscher, dieses Versprechen in seiner Rede am 31. Januar 1990 an der Evangelischen Akademie in Tutzing gegeben hat. Es war auch James Baker, der Außenminister der Vereinigten Staaten, der am 9. Februar 1990 in Moskau bei seinen Gesprächen mit Präsident Gorbatschow betont hat, die USA würden keine zusätzliche Erweiterung der NATO nach Osteuropa anstreben.

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat sich am 18. Februar 1996 mit einem „Sachstand“ mit der NATO-Osterweitung befasst (2). Das Thema: „Zur öffentlichen Diskussion über Anfang der 1990er Jahre möglicherweise getroffene Zusage westlicher Spitzenpolitiker zu einem Verzicht auf eine NATO-Osterweiterung“.

Der Deutschlandfunk sendete am 10. Dezember 2019 um 19:15 Uhr ein Hörspiel mit dem Titel „Die Wurzeln des Misstrauens – Russland und die Verhandlungen zur Deutschen Einheit“ (3). In diesem Hörspiel sagt Baker: „Es hat sie nie gegeben“ (Die Zusage zu der Nicht-NATO-Osterweiterung).

Am 18. Oktober 1996 hat Fred Oldenburg beim OSSOAR Open Access Repository eine lange Abhandlung „Deutsche Einheit und Öffnung der NATO“ geschrieben (4).

Am 30. März 2022 verbreitete der MDR auf seiner Website den Artikel „NATO-Osterweiterung – Wurde die Sowjetunion über den Tisch gezogen?“

Alle diese Artikel und Abhandlungen dienen dem alleinigen Zweck zu beweisen, dass es das Versprechen, oder Zusage, die NATO nicht nach Osten auszuweiten, nicht gegeben hat. Auch Jens Stoltenberg, der Generalsekretär der NATO, will heute davon nichts wissen. Wie kann er auch, er ist ein Angestellter der NATO.

Das Leugnen eines Versprechens hat heute nur die Bedeutung, dass sich die NATO von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer ausgedehnt hat. Der letzte fehlende Teil dieser Kette ist die Ukraine.

Nun hat sich noch jemand mit einem Buch zu Wort gemeldet. Das Buch: „Nicht einen Schritt weiter nach Osten – Amerika, Russland und die wahre Geschichte der NATO-Osterweiterung“. Verfasserin ist Mary Elise Sarotte, in Deutsch erschienen bei C.H. Beck München (5).

In verschiedenen Zeitungen gab Mary Elise Sarotte ausführliche Interviews (6). Mary Elise Sarotte stellte ihr Buch am 18.09.2023 im Gespräch mit Tim Geiger, Jürgen Lillteicher und Hermann Wentker vor großem Publikum vor. Diese drei Herren sind Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte. Der Öffentliche Träger des IfZ ist u. a. die Bundesrepublik Deutschland. Für mich bedeutet diese Konstellation, dass die Bundesrepublik Deutschland zu dem Inhalt dieses Buches steht.

Ich frage mich: Weshalb, warum, wieso … was hat Frau Sarotte veranlasst dieses Thema in einem Buch, in Deutschland 2023 zu veröffentlichen?

Frau Sarotte ist Amerikanerin. Sie sieht die Geschichte aus der Sicht der USA. Frau Sarotte hat für Regierung als White House Fellow gearbeitet. Das ist etwa so, wie wenn ich Deutschland für eine Stiftung arbeite, die die Politik der Parteien schreibt. Stiftungen, die auch Stipendien für die Personen gibt, die vielversprechend dann in die Parteiarbeit eingegliedert werden können, vielleicht sogar als Abgeordneter oder Minister.

In meinen Augen ist Frau Sarottes Anliegen zu beweisen, dass es dieses Versprechen so nie gegeben hat. Sie will damit beweisen, dass der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, kein Recht hat, dieses nicht gegebene Versprechen verbal einzuklagen. Sie hat damit recht, dass sie sagt, dass davon in dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag nichts steht. Das weiß inzwischen jeder, der des Lesens mächtig ist. Um dies zu beweisen, muss sie kein Buch in dieser Art schreiben. Sie muss auch keine weitschweifende Zeitungsinterviews geben, in denen sie, mehr oder weniger, den Inhalt des Buches wiedergibt.

Es ist die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA verstehen sich als der Gewinner bei der Beendigung des Kalten Krieges. Der Inhalt dieses Buches zielt allein darauf, dass James Bakers Aussage „NATO – keinen Inch nach Osten“ eine Gedankenspielerei war. Der Aussage Hans-Dietrich Genschers 1990 in Tutzing misst man keine Bedeutung bei. Er war ja nur der Außenminister eines besetzten Landes, das die Wiedervereinigung mit der von der Sowjetunion besetzten Gebiete Ost-Deutschlands anstrebt. Diese Wiedervereinigung war sehr wichtig, so konnte man den USA nachsehen, dass dieses Versprechen nicht in den Zwei-Plus-Vier-Vertrag aufgenommen wurde.

Auch hat Jeffrey Sachs, ein bekannter US-Ökonom, hat in einem Video zu dem Versprechen, die NATO um keinen Zentimeter nach Osten zu erweitern, Stellung genommen. Er sagt in diesem Video: Und sie diskutierten darüber, und es war sehr klar, die USA und Deutschland sagten zu Gorbatschow: „Wenn Sie den Warschauer Pakt und den Kalten Krieg auflösen und Deutschland wiedervereint wird, dann wird sich die NATO keinen Zentimeter nach Osten bewegen“. Das erwies sich als eine enorme Lüge.

Die Gründe sind noch anderere. Der Grund ist Russland als Ganzes. Der Grund ist, dass Russland sich nicht einverleiben und aufteilen lässt. Der Grund ist, dass Russland nicht damit einverstanden ist, dass die Ukraine in die EU, und damit in die NATO geholt werden soll; dann wäre das letzte Glied der NATO-Kette geschlossen. Der Grund ist, dass Russland sich erdreistet hat, sich mit dem Donbass vertraglich zu verbinden und dann der Bitte um Hilfe nachzukommen. Der Grund ist, dass die Hilfe der USA und der EU, Waffen und Geld, an die Ukraine, die Ukraine nicht weiterbringt.

Das ist aber bereits der Inhalt eines weiteren Beitrags.

1 Frankfurter Allgemeine vom 19.04.2014 – Das große Rätsel um Genschers angebliches Versprechen

2 Wissenschaftlicher Dienst WD 2 -3000 – 031/16 vom 18. Februar 1996

3 Hörspiel des Deutschlandfunks, Autor Andreas von Westphalen, Redaktion Wolfgang Schiller. Eine weitere Verbreitung ist mit einem urheberrechtlichen Hinweis verboten.

4 SSOAR Fred Oldenburg – Deutsche Einheit und Öffnung der Nato – Bericht des BIOst Nr. 52/1996
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veranstaltete am 18. Sept. 2023 mit dem Alliierten Museum Berlin, dem Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Berliner Kolleg Kalter Krieg, eine Buchbesprechung.

5 Mary Elise Sarotte. https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Elise_Sarotte
Auf der Website der Johns Hopkins University ist noch zu lesen: Mitglied des Council of Foreign Relations.
Leseprobe C. H. Beck   https://cdn-assetservice.ecom-api.beck-shop.de/productattachment/readingsample/15194659/35572405_leseprobe%20nicht%20einen%20schritt%20weiter%20nach%20osten.pdf
White House Fellows    https://de.wikipedia.org/wiki/White_House_Fellow

6 Zeit Online vom 27. 09. 2023, taz in Berlin Datum unbekannt, und weitere Interviews in anderen Zeitungen, die ich nicht kenne.

Nicht einen Schritt weiter nach Osten

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.

Friedrich Schiller

Wir erinnern uns: Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde die Wiedervereinigung geregelt. Die Sowjetunion zog bis 1994 die Besatzungstruppen aus dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ab, die Besatzungstruppen der USA, Großbritanniens und Frankreichs verblieben im Gebiet der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Mit diesen Besatzungstruppen sind wir, und wir bleiben damit ein besetztes Land.

Zur NATO-Osterweiterung gibt es zwei Sichtweisen: Einerseits heißt es, 1990 sei bei den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung Russland versprochen worden, die NATO keinen Schritt, Inch, weiter nach Osten zu erweitern. Das sei nur nicht schriftlich fixiert worden. Andererseits heißt es, ein solches Versprechen habe es nicht gegeben und am Ende zähle das, was im Vertrag steht. Und das ist der springende Punkt: Im Zwei-plus-Vier-Vertrag ist darüber nichts zu lesen.

So weit so gut! Die Diskussion ob Versprechen oder nicht, oder ob darüber als Möglichkeit gesprochen wurde, geht ja nun schon seit einiger Zeit. Russland sagt: „Es wurde uns versprochen, die NATO nicht weiter nach Osten auszudehnen“, die NATO sagt heute: „Eine Nichterweiterung der NATO wurde nicht versprochen“.

Aber so einfach ist dies nicht. Immer, wenn später darüber debattiert oder gestritten wird, ob etwas versprochen wurde oder nicht, dann muss etwas Wahres daran sein. Das sagt uns die Geschichte, das sagt uns die Gegenwart. Es wird etwas besprochen, später berufen sich die einen darauf, die anderen wollen von nichts wissen oder gewusst haben, sie leugnen einfach, oder können sich an nichts mehr erinnern. Fehlendes Erinnerungsvermögen kennen wir aus der Gegenwart. Es wurde mit Sicherheit bei den Verhandlungen über die NATO und deren Osterweiterung gesprochen. Dafür gibt es genügend Beweise.

Aus Anlass der Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing „Zur deutschen Einheit im europäischen Rahmen“, hielt der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 31. Januar 1990 eine viel beachtete Rede (1). Er ging auf die Problematik des Warschauer Pakts ein und hob diese hervor, dass es notwendig sein wird, auf die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion zu achten.

Hier der genaue Wortlaut aus der Rede zur NATO-Osterweiterung:
„Im Warschauer Pakt verstärkt sich in Polen, in der CSSR und in Ungarn der Wunsch nach Abzug der sowjetischen Streitkräfte. Welche Auswirkungen das auf die Struktur, und auf die Zukunft des Warschauer Pakts hat, kann derzeit nicht genau bestimmt werden. Es handelt sich dabei allein um die Angelegenheit des Warschauer Pakts.
Das Gebot der Nichteinmischung ist hier besonders ernst zu nehmen, Sache der NATO ist es, eindeutig zu erklären: Was immer im Warschauer Pakt geschieht, eine Ausdehnung des NATO-Territoriums nach Osten, das heißt, näher an die Grenzen der Sowjetunion heran, wird es nicht geben. Diese Sicherheitsgarantien sind für die Sowjetunion und ihr Verhalten bedeutsam.
Der Westen muss auch der Einsicht Rechnung tragen, dass der Wandel in Osteuropa und der deutsche Wiedervereinigungsprozess nicht zu einer Beeinträchtigung der sowjetischen Sicherheitsinteressen führen darf“.

Diese Aussage ist doch eindeutig. Hans-Dietrich Genscher war der Außenminister der BRD. Ob diese Aussage mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl offiziell abgesprochen war oder nicht hat keine Bedeutung, er war der Außenminister. Genscher hat dies auch bei seinem Besuch in Moskau am 10. Febr. 1990 mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse besprochen. Demnach sagte Genscher im Gespräch, der Bundesregierung sei „bewusst, dass die Zugehörigkeit eines vereinten Deutschlands zur NATO komplizierte Fragen aufwerfe. Für sie stehe aber fest: Die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen“.

Bei einer Pressekonferenz am 2. Februar 1990 in Washington wiederholte Genscher diese Aussage in der Öffentlichkeit. Der Originalton lautete:
„Wir waren uns einig, dass nicht die Absicht besteht, das NATO-Verteidigungsgebiet auszudehnen nach Osten. Das gilt übrigens nicht nur im bezug auf die DDR, die wir dann nicht einverleiben wollen, sondern das gilt ganz generell.“
Der damalige US-Außenminister James Baker stand neben ihm – ohne zu widersprechen. Hier das Video dazu. Dieses Interview war ein ARD-Weltspiegel-Beitrag! Es ist ein Dokument, das auch beweist, dass die Nichterweiterung der NATO versprochen war!

Der damalige Außenminister James Baker war nach Genschers Tutzinger Rede am 9. Febr. 1990 in Moskau bei Präsident Gorbatschow. Baker ging – so stellt es der Historiker Gerhard A. Ritter dar – von der „Tutzinger Formel“ aus, und sagte zu Gorbatschow, die Beistandsgarantie oder „militärische Präsenz der NATO in östlicher Richtung“ werde „um keinen einzigen Zoll ausgedehnt“.

Franke Elbe war von 1987 bis 1992 der Leiter des Büros vom Bundesaußenminister Genscher, und damit sein engster Mitarbeiter. Er war 1990 Mitglied der Bonner Delegation bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die deutsche Einheit. In einem Spiegel-Interview Ende Februar 2022 bestätigte er, dass er selbst mit Genschers Narrativ: „Was immer im Warschauer Pakt geschieht, eine Ausdehnung des NATO-Territoriums nach Osten, das heißt, näher an die Grenzen der Sowjetunion heran, wird es nicht geben“, nach Washington geflogen sei und sich dort mit zwei engen Mitarbeitern des US-Außenminister James Baker getroffen hatte:
„Die Amerikaner fanden den Gedanken gut […] Genscher traf auf einen strahlenden Baker, der sagte, die Formel mit der Nichtausdehnung gefalle ihm und er werde dafür sorgben, dass sie im Bündnis akzepiert werde.“

Im Mainstream, und vorallem in der Politik, wird dieser geschichtliche Fakt heute so ausgelegt, dass sich Genschers Vorschlagm nur auf die DDR bezogen hätte. Das passt natürlich gut in die westliche Denkweise und Doktrin. Aber das ist nicht wahr. Frank Elbe bestätigt explitzit, dass es sich nicht nur um die DDR gehandelt habe:
„Das ist falsch. Das würde ich unter Eid aussagen […] Sowohl Baker wie auch Genscher haben Anfang Februar 1990 den Vorschlag im Kreml präsentiert.“

Sowohl Genscher als auch Baker wollten später ihre Äußerungen von damals nie als Versprechen interpretiert wissen. Genscher sagte 2009 dem Spiegel, er habe in seiner Tutzinger Rede der sowjetischen Führung „über die Hürde“ helfen wollen, der Wiedervereinigung Deutschlands als NATO-Mitglied zustimmen zu können. Und sein Gespräch mit Schewardnadse sei ein „Abtasten“ vor den eigentlichen Verhandlungen gewesen.

Baker wiederum sagte, er habe mit seiner Formulierung von „keinem einzigen Zoll“ einzig und allein das Gebiet der DDR gemeint. Gorbatschow will das anders verstanden haben. Er schimpfte, es habe sehr wohl eine Zusage gegeben, die NATO nicht nach Osten zu erweitern – und wird in Russland wiederum dafür beschimpft, sich diese Zusage nicht in schriftlicher Form besorgt zu haben.

Schewardnadse dagegen sagte danach, es habe deshalb keine Zusage für eine Nichtausdehnung der NATO über die Oder hinausgeben können, da im Februar 1990 eine Auflösung des Warschauer Paktes, des damals noch bestehenden Gegenbündnis zur NATO, „außerhalb unserer Vorstellungswelt“ lag (2). Genscher hatte das aber in seiner Tutzinger Rede angesprochen.
Das Protokoll der Begegnung Schewardnadse mit Genscher im Februar 1990 zeigt allerdings, dass Genscher durchaus von Osteuropa sprach. Da es in dem Gespräch hauptsächlich um die DDR gegangen sei, schrieb der „Spiegel“ 2009, habe Genscher ausdrücklich hinzugefügt: Was die Nichtausdehnung der NATO betreffe, so gelte das „ganz generell“.
Frank Elbe bestätigt das auch: „Das ist korrekt. Ich war dabei. Aus der Formelierung „ganz generell“ können Sie entnehmen, dass es sich eben nicht nur um die DDR handelte.“

Alle drei, Genscher, Baker und Schewardnadse, mussten ihre Aussagen und im Nachhinein revidieren. Wir haben das ja nicht so gemeint, unsere Aussagen und wurden sicher falsch interpretiert. Wurden sie, wie es so oft nach einer Aussage, „aus dem Zusammenhang“ gerissen? Das ist ja heute noch bei vielen Äußerungen und Aussagen der Fall. Immer dann, wenn jemand das Gesagte nicht so gesagt haben will, wie er es gesagt hat. Oder er wird von denen, die über ihm stehen, zurückgepfiffen oder der Maulkorb verpasst.

Fest steht, dass die „Tutzinger Formel“ nach dem Treffen Anfang Februar in Moskau „eingestampft“ wurde. Der damalige US-Präsident Bush hat es nicht akzeptiert, dass das Gebiet der DDR nicht in die Struktur der NATO aufgenommen wird. Die BRD war ja Mitglied in der NATO. Bush hat das auch Helmut Kohl so erklärt und diesen davon überzeugt, dass die von nun an geltende Position ist: „Das Äußerste westliche Zugeständnis an die Sowjetunion ist ein Sonderstatus für Ostdeutschland – von einer Nichtausdehnung der NATO nach Osten ist keine Rede mehr“.

So entstand dann der Zwei-plus-Vier-Vertrag, ohne der Zusage der Nichterweiterung der NATO nach Osten. Heute sagt man: „Gorbatschow hat sich diese Zusage nicht schriftlich geben lassen, er ist selbst daran schuld“. Dem schließen sich heute viele der heutigen Politiker an, auch viele Politiker der Bundesrepublik Deutschland.

Aber wie ist das mit einem Versprechen oder einer Zusage, auch wenn das Gesagte nicht schriftlich fixiert ist? Gibt es denn nicht auch eine moralische Verpflichtung, auf die sich alle, auch für spätere Zeiten berufen können? Ich meine, ja, diese moralische Verpflichtung gibt es. Wie sonst können sich Vertragspartner noch vertrauen?

Für mich gibt es nur eine Erklärung: Die USA sind der Part der NATO, der die Doktrin der NATO bestimmt. Alle anderen NATO-Mitglieder haben sich dem zu fügen. Ich kenne keinen Vertrag, den die USA eingehalten, oder aus nichtigem oder nicht nachvollziehbarem Grund, gekündigt haben. Sie halten Verträge nur dann ein, wenn es für sie von Vorteil ist. Sie finden immer einen Grund Verträge nicht einhalten zu müssen. Es spielt dabei keine Rolle welche Partei oder welcher Präsident das Sagen hat.

Die Gründe, warum die „Nichterweiterung“ nicht in den Zwei-plus-Vier-Vertrag aufgenommen wurde, ist meiner Meinung nach doch einfach zu erklären:
Die Sowjetunion war am Ende und am Zusammenbrechen. Die Sowjetunion konnte seine Satelliten, seine besetzten Gebiete nicht mehr halten. Die USA sahen sich als Sieger am Ende des „Kalten Krieges“, was sie aber nicht waren. Gorbatschow wollte die DDR aus dem Warschauer Pakt entlassen, oder auch loswerden. So wird der Verzicht auf den Passus „Nichterweiterung“ ein Grund sein, dass der Vertrag überhaupt in dieser Form entstanden und auch unterzeichnet wurde. Oder Gorbatschow war so vertrauenselig, das zu glauben, was ihm in Gesprächen gesagt wurde.

Die USA als Sieger? Ein Sieger will doch dann auch Vorteile aus seinem Sieg ableiten. Früher hat dem Sieger immer eine Beute zugestanden oder er hat sich diese Beute einfach geholt. Nach Gorbatschow kam Jelzin. Unter Jelzin gaben sich die „Berater“ aus den USA und Großbritannien in Russland die Klinke in die Hand. Für viele erschien Russland als leichte Beute. Es gab ja Rohstoffe, Gold, Öl und Gas in Hülle und Fülle, ohne Ende. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Wir haben gesehen was sich in Jelzins Zeit in Russland abgespielt hat. Es wurde sogar darüber gesprochen, dass die USA, der CIA, im Vorzimmer Jelzin einen Platz hatte. Bis Wladimir Putin kam, dann war Schluss damit.

Glaubt man Nikolai Patruschew, dem Chef des russischen Sicherheitsrates, gibt es für Russland momentan zwei große Bedrohungen: der internationale Terrorismus und die „Farbrevolutionen“. Letztere natürlich von den USA angezettelt. So sei es auch in der Ukraine gewesen. Dort habe Washington den Umsturz in die Wege geleitet und damit den Konflikt initiiert (3).

Die Vorkommnisse der letzten Jahre, die NATO-Ostererweiterung nach 1990 bis heute, und die Entstehung des Krieges in der Ukraine, zeigt für mich, welche Doktrin die USA nach der „Monroe-Doktrin“ seit dem 2. Dezember 1823 verfolgen.

Also, die Nichterweiterung der NATO nach Osten gab und gibt es nicht. Aber warum kam dieses Thema wieder auf?

Dazu meine Meinung in einem weiteren Betrag!

1 Aus der Rede vom 31. Jan. 1990. Das Rede-Manuskript habe vom Archiv des Auswärtigen Amt bekommen.
2 Schewardnadse war von 1992 bis 2003 Präsident von Georgien. Georgeien sollte damals und soll auch heute in die NATO:
3 Inzwischen wissen wir, dass es so ist.